10.06.2026

Rohstoffverfügbarkeit für Backhefe unter Druck

Die Europäische Kommission hat im Rahmen der Überarbeitung der politischen Vorgaben für Kraftstoffe angekündigt, höhere Ethanolgehalte wie E20 in Betracht zu ziehen. Der Deutsche Verband der Hefeindustrie e. V. weist in diesem Zusammenhang auf eine Rohstofffrage hin, die in der bisherigen Debatte wenig Beachtung findet: die Verfügbarkeit von Melasse für die Herstellung von Backhefe.

Von E10 zu E20: Mehr Bioethanol bedeutet mehr Rohstoffbedarf
E10 ist an deutschen Tankstellen etabliert und enthält bis zu zehn Prozent Bioethanol. Bei E20 würde der Bioethanolanteil im Benzin auf bis zu 20 Prozent steigen. Damit würde sich der Bioethanolanteil im Vergleich zu E10 verdoppeln.
Bioethanol wird unter anderem durch Fermentation auf Basis von Melasse gewonnen. Deshalb betrifft die E20-Debatte einen für die Herstellung von Backhefe wichtigen Rohstoff. Für die Hefeindustrie ist Melasse von zentraler Bedeutung.

„Wer über höhere Ethanolgehalte im Benzin spricht, sollte auch die Herkunft und Verfügbarkeit der dafür benötigten Rohstoffe betrachten“, sagt Dr. Markus Weck, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Verbands der Hefeindustrie e. V. „Für die Hefeherstellung ist Melasse ein Schlüsselrohstoff. Ihre Verfügbarkeit gehört deshalb in die Bewertung von E20.“

Melasse ist ein Nährmedium für Backhefe
Melasse entsteht bei der Zuckergewinnung aus Zuckerrüben. Sie enthält Zucker und weitere Nährstoffe, die Hefezellen für ihr Wachstum benötigen. In der Hefeproduktion ist sie deshalb das wesentliche Nährmedium. Backhefe ist eine unverzichtbare Zutat bei der Herstellung von Backwaren in handwerklichen Bäckereien und der Backwaren-industrie. Backhefe ist somit ein systemrelevanter Rohstoff für die backende Branche.

„Die E20-Debatte zeigt, dass der bekannte Zielkonflikt zwischen Tank und Teller weiterhin relevant ist“, so Dr. Markus Weck. „Rohstoffe für Kraftstoffe stehen nicht losgelöst von der Lebensmittelwirtschaft. Es ist entscheidend, dass Melasse als zentrales Nährmedium für Backhefe langfristig verlässlich und bezahlbar verfügbar bleibt. Das ist eine wichtige Voraussetzung für die Versorgung der backenden Branche.“

Kalkulationsbasis durch mehrere Faktoren unter Druck
Seit Jahren steht die Verfügbarkeit von Melasse infolge der reduzierten Anbauflächen für Zuckerrüben in Deutschland unter strukturellem Druck. Laut Prognose schrumpft diese in 2026 um weitere 12,7 % zum Vorjahr. Ein Abgang in parallele Verwertungskanäle wie für die Kraftstoffanreicherung mit Bioethanol würde die Situation weiter deutlich verschärfen

Abbildung 1: Entwicklung der Zuckerrübenanbaufläche in Deutschland seit 2024. Für das Jahr 2026 handelt es sich um eine erste Schätzung nach Aussaat der Zuckerrüben. Quelle: Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMEL)

Neben dieser sich abzeichnenden Reduzierung von Melassemenge belasten weitere Faktoren die Herstellkosten für Backhefe. So wirkt sich die Sperrung der Straße von Hormus im Zuge des Iran-Kriegs bereits jetzt schon unmittelbar auf die Verfügbarkeit und Preise von weiteren Nährmedien und Energie aus.

Im Wettstreit zwischen Tank und Teller brauchen Lebensmittel Priorität!
Durch den Iran-Krieg und die zu erwartenden deutlich rückläufigen Erntemengen ist die Situation bereits jetzt sehr problematisch. Ein Abfließen der ohnehin knappen Melasse in die Ethanolproduktion würde zu einer weiteren Zuspitzung führen. Aus Sicht des Deutschen Verbands der Hefeindustrie e.V. muss die Option als Rohstoff für E20 daher verhindert werden.

Pressemitteilung zum Download:
PM_Hefeindustrie_Rohstoffverfuegbarkeit unter Druck